Peter Mieg, Komponist, Maler, Literat 1906-1990

Agatha entlüftet

I
Neulich wohnte ich einer Fernsehsendung bei, die der Aufdeckung, wie könnte es anders sein, eines Mordes galt. Es war die ebenso energische wie spitzfindige Miss Marple, die der Sache auf die Spur kam. Das Ende des Films wartete ich gar nicht ab, denn all das konnte ich ja in einem Buch nachlesen. Nein, ich wollte nur ein paar Augenblicke Miss Marple sehen, die so rasant in ihren Mantel fährt und die Schärpe, oder wie dies Ding zu nennen ist, mit kolossal energischem Schwung um den Hals wirft, die aus irgendeinem bestimmten Grund den Golfstock schwingt und die so hervorragend das Erschrecken mimt, wenn sie, im Zug fahrend, eben am Einnicken ist und wie elektrisiert auffährt, als auf dem Nebengeleise ein weiterer Zug in gleicher Richtung braust. Die beiden parallel rasenden Schnellzüge: dies der Ausgangspunkt, der Einfall zum Krimi der Grossen Agatha. Ein guter Krimi lebt vom Einfall, und um Einfälle war Madame nie verlegen. Miss Marple, diese im Privatleben lismende ältere Dame, Frau oder Fräulein, ich weiss es nicht, in der Nebenzeit auf Mordentdeckungsjagd gehend, hat mich wieder einmal so beschäftigt, dass ich ihr durch den zeichnerischen Strich näher zu kommen suchte, und ich habe Dutzende von grünen Blättern mit ihrem Gesicht vollgezeichnet und kann nun durchaus nicht feststellen, welches Porträt ihr wirklich gleicht.

II
Sie nach dem Leben zeichnen wäre wohl unmöglich gewesen, denn ich war ihr ja nicht vorgestellt, und in England muss man durch irgendjemanden irgendwem vorgestellt sein. Die Geschichte von den vier Engländern, die in der Schweiz in eine Gletscherspalte fielen, einer nach dem andern, Damen und Herren, jedes dem andern auf den Schultern oder in der Ohrmuschel stehend und keines ein Wort redend, denn sie waren einander nicht vorgestellt, kam mir wieder in den Sinn. Ich muss meine Miss-Marple-Zeichnungen also ohne Modell machen. Ich hätte sie auch von einer Porträtphotographie abzeichnen können, die ich kürzlich in der Zeitung fand. Das Intrigierende daran ist nur, dass ich nicht sicher bin, ob Miss Marple in Zivil eine Brille oder einen Zwicker trägt. Das ist höchst wichtig! Wie anders sieht ein Mensch mit Zwicker aus! Früher gebrauchte man auch das Wort Kneifer. Ob so oder so: die Nase wird auf jeden Fall gezwickt oder gekniffen. Im Film trägt sie weder Brille noch Zwicker, sie trägt lediglich ihren an einen umgestülpten Blumentopf erinnernden Hut, ein unmodisches Unding, das sie nur ablegt vom Augenblick an, da sie sich als Hausdame anwerben lässt. Fortan trägt sie ihre eigenen Locken zur Schau, die mit zwei niedlichen Zofenmäschchen geziert sind. Erst habe ich Miss Marple mit Blumentopf gezeichnet, dann aber mit den beiden Mäschchen, die etwas von einem Schmetterling haben. Vom Schmetterling hat aber auch die Brille der Grossen Agatha etwas. Sie sieht da recht mondän aus auf diesem Bild, freundlich lächelnd, geschmückt mit einem Hut aus Federn, einem Perlencollier und eben der Schmetterlingsbrille. Vermutlich eine Aufnahme, die gemacht wurde, kurz bevor sie in den Buckinghampalast zum Lunch mit der Königin fuhr. Ich frage mich, was die beiden gesprochen haben. Von den ungezählten, scharfsinnig konstruierten Morden und ihrer Enthüllung war wohl kaum die Rede. Vielleicht vom Blumenkohl, der an jenem Tag auf den Tisch kam? Zwar ist er nicht ein Gericht, das man allen Gästen auftragen kann. Annette Kolb zum Beispiel fand ihn ein scheussliches Gemüse, und als die Gartenmarie ihn als separaten Gemüsegang auf die Kolbsche Tafel zu München brachte, rief der Hausherr erbost (denn auch er hatte ihn nicht gern): "C'est trop, Valérie." Und er wurde unter dem Gelächter der ganzen Tafelrunde wieder abgetragen.

III
Unter den vielen Aufnahmen, die ich von Agatha aufbewahre, finden sich auch einige, wo sie unbebrillt zu sehen ist und nur darauf bedacht, dem Photographen zuzulächeln aus ihrem wohlig fülligen Gesicht. Sie hatte natürlich gut lächeln, da sie ihre Millionen so sicher unter Dach wusste und mit ihrem Stück "The Mousetrap" jahrelang volle Häuser machte. Was sage ich jahrelang: jahrzehntelang! Die Schauspieler haben gewechselt, die Theater haben gewechselt. Geblieben ist nur die Mausefalle, in der wir alle sitzen. Etwas aber in dem Leben der sieghaften Kriminalistin ist im dunkeln geblieben, nämlich jene zehn Tage, da sie von der Bildfläche verschwand. Sie setzte sich ins Auto und fuhr los, Richtung Exeter, wie man zu rekonstruieren weiss. Doch Exeter war nur ein Schachzug in dem Täuschungsmanöver, mit dem Agatha die Ihren, die Polizei und den Buckinghampalast zu narren wusste. In Exeter hüllte der Nebel sie und das Auto ein. Von diesem Augenblick an verlieren sich alle Spuren

IV
Nun, da sie nicht mehr lebt, wird es mir wohl nicht übel genommen werden, wenn ich das Geheimnis zu lüften unternehme. Hätte mich die englische Polizei früher befragt: ich hätte sie (vielleicht, nicht ganz sicher!) aufgeklärt. Denn niemand ausser mir und Mary H. wussten, wo sich die Dichterin der hunderttausend Morde in jenen sagenhaften zehn Tagen befand. Von Exeter fuhr sie in genau östlicher Richtung nach Southampton. Etwa 20 Kilometer von jener Stadt, in Ringwood, wechselte sie vorsichtshalber die Brille, prüfte im Spiegel ihres Middleclassautos ihre gelbe Perücke, kannte sich selber kaum und fand, es könne nichts passieren. Sie schiffte sich samt dem Middleclassauto ein, unter falschem Namen natürlich und mit falschem Pass, und fuhr Richtung Havre, von wo sie ohne grosse Umwege in die Schweiz gelangte und bei mir eines Abends eintraf. Es war ein farbloses Alltagswetter, ohne brillanten Sonnenuntergang, ohne Mondschein, so recht das Wetter, sich auf die Arbeit zu sammeln. Denn wir hatten zusammen zu arbeiten. Das stand fest. Ihr Auto schlief nun für eine Woche hinter meinem Haus. Das GB hatte sie nicht verhüllt, hingegen die Nummer: es wäre ja nicht ausgeschlossen gewesen, dass ein Lenzburger Privatdetektiv diese Nummer notiert und auf eigene Rechnung Nachforschungen betrieben hätte. Agatha wohnte im Hotel, kam täglich zweimal zu mir herauf. Sie liess sich gern auf dem Diwan des Grünen Zimmers nieder, breitete sich aus und hatte ein dauerndes Schalkslächeln, dem strengen England auf ein Weilchen entronnen zu sein.

V
Meinerseits bereitete ich vor ihr meinen Plan zu einer Krimi-Oper aus, dem sie schon brieflich beigepflichtet hatte und an dessen Libretto sie den herzhaftesten Anteil nahm. Haben Sie je einen Dichter gesehen, der sich nicht gefreut hätte, wenn sein Stück zur Oper umgegossen wurde? Ich nicht. Doch kann man natürlich nicht mehr alle Dichter befragen, ob sie Gefallen gefunden hätten an musikdramatischer Verwandlung. Abraham Edda beispielsweise wäre vielleicht nicht erbaut gewesen, zu sehen und zu hören, dass Richard Wagner seine Strophen zu einem Ding von vier Abenden verarbeitet hat, von dem Jacob Burckhardt als von "Marterabenden" spricht und im Jahr 1876 aus den Gazetten sieht, dass die Aufführungen in Bayreuth "ziemlich gut" besucht gewesen seien, was er hämisch dem Briefpartner meldet und was für ihn, den Wagnerhasser, ein sicheres Zeichen vor dem endgültigen Ruin gewesen ist. Wie sehr hat sich Burckhardt getäuscht! Bei den Libretto-Gesprächen mit Agatha richtete ich die Frage an sie, ob es stimme, dass ihr die besten Einfälle beim Geschirrspülen kämen. Nun konnte sie sich kaum halten vor Lachen, zeigte ihre grossen (echten) Zähne und gestand, dass sie nicht das mindeste vom Geschirrspülen verstehe. Ich durfte ihr die Hand reichen; denn auch ich, denn auch ich und so weiter. Geschirr auf einem Zementboden zerschlagen, ja, das ist eine Wonne (man wird es im Film sehen). Aber spülen? Nein, die Einfälle kämen ihr beim Baden. Wenn sich wohlriechende Dämpfe entwickelten. Da haben wir wieder die Verbindung zu Wagner: was hatte er seiner jugendlichen Ganz- oder Pseudogeliebten nach Paris geschrieben: "J'aime sentir monter des odeurs." Das hatte er ihr geschrieben. Und sie hatte für ihn kiloweise Badesalze und Parfüms senden müssen, auch violette Seidendamaste und weiss nicht was alles, was einen Briefwechsel beleben kann. Nun war das Thema Bad gefallen, war der Rahmen für die Krimi-Oper gefunden. "Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie im Vor- und Nachspiel selber in der Badewanne sitzend präsentierte?" So fragte ich Agatha. "Nein, warum denn nicht? Das ist ja köstlich. Und man sieht ja doch nur allerhöchstens den Kopf, und auch den nur durch die Schwaden der parfümierten Dämpfe." Sie schloss einen Augenblick die Augen, wie um sich dies Vorspiel besser vorstellen zu können. Dann: "Nehmen Sie ruhig die Wellenbewegung in Es-Dur aus dem Rheingold, das gibt so eine wohlige Stimmung, mit dem tiefen Bombardon." Nun war ja alles klar. Die Badedämpfe würden immer dichter werden, zuletzt wäre die ganze Bühne eingehüllt in lauter Dampf, und wenn er sich gelichtet haben würde, könnte sich die Krimihandlung entfalten, in drei wohldosierten Akten. Wäre dank Miss Marples Spitzfindigkeit der Fall geklärt und die eigentliche Oper beendet, dann würden nochmals die Dämpfe über die Bühne wallen, und aus ihnen tauchte wieder die goldene Badewanne von Agatha auf, aus der ihr Kopf herausragt. Mit oder ohne Brille? Das war noch eine Frage, die wir mehrmals erörterten, einmal bei einem Gang zum hintern Brunnen, einmal bei der Besichtigung der Hortensien. "Eigentlich nimmt sich eine Schmetterlingsbrille im Bade immer hübsch aus, wissen Sie." Nun also denn mit Brille. "Wo aber schieben wir das Ballett ein?" Über diese Frage musste ich noch mit der Dichterin debattieren. Zum Glück hatte ich einige Tage vor ihrer Schweizer Reise, während der das strengste Inkognito gewahrt werden musste, in meinem Album lustiger Zeichnungen geblättert. Da kam mir denn ein Fetzchen Zeitungspapier in die Hände, auf dem ein echt englisches Ballett abgebildet war, wie es für Kleriker erdacht war, die an den Nuditäten der Ballettgirls Anstoss genommen hatten. So war denn an der Rampe eine Reihe grimmig dreinblickender alter Damen zu sehen, die, angetan mit nicht zu kurzen Röcken, in Hut und Schleier, einen züchtigen Stepschritt machten und wie auf Kommando das eine Bein hoben. Eine grossartigere Balletteinlage war nicht auszudenken: dies Ballett der alten Tanten in Hut und Schleier musste umwerfend wirken. Und erst die musikalische Begleitung! Ein Harmonium gibt die Untermalung. Hätte Wagner für seinen Pariser Tannhäuser dies Ballett der nudisten-feindlichen alten Engländerinnen eingesetzt: es wäre nicht zu jenem allbekannten Skandal gekommen, bei dem die Fürstin Metternich aus Zorn ihren Fächer zerbrach und fand, sie sei persönlich beleidigt worden. Nun war alles besprochen. Agatha fand sich selbst erleichtert, billigte alle meine musikalischen Vorschläge, die Krimi-Oper betreffend, machte noch schnell ihren Besuch bei Mary H. und entschwand, in gelber Perücke, Richtung England. Sie würde wieder in Exeter die normale Lady Agatha sein und aus dem Unbekannten auftauchen. Hoffentlich macht ihr das Linksfahren daheim nicht zu grosse Schwierigkeiten, dachte ich, als ich sie mit ihrem GB von hier wegfahren sah.