Peter Mieg, Komponist, Maler, Literat 1906-1990

Kongress der Zauberer

Im Spätherbst des gewitterreichen Jahres 1862 tagte in Baden-Baden der Ausschuss des "Internationalen Bundes für angewandte Magie". Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde damals die Hauptversammlung in dem berühmten Konversationssaal abgehalten; nicht einmal Vertreter der europäischen Presse waren zugelassen, die ja doch sonst bei allen verdächtigen und der Tageshelle abgewandten Angelegenheiten zu Recht oder zu Unrecht anwesend zu sein und ihre Leser in tendenziösen Berichten zu informieren pflegen. Als mildes Entgegenkommen, das ihnen immerhin zeigen sollte, dass man auch bei der Zauberei auf die Zeitung nicht völlig verzichten mochte, wurde ihnen eine Sondereinladung zu einem Nachtmahl unterbreitet, der dann, wie das so war und ist, sehr zahlreich Folge geleistet ward. Der Ausschuss des Bundes assistierte wohl freundlich, doch sehr reserviert diesem Presse-Essen; der Hofzauberer des Schahs von Persion liess sich sogar dazu verleiten, in einem unbewachten Augenblick eine Probe seines bekannten regenbogenfarbigen Niesens zu bieten. Sonst wurde nicht aus der Schule geschwatzt; - die Zeitungen meldeten nachher vieldeutige Plattheiten an Stelle der enthüllten Geheimnisse, die das Publikum so gerne vernommen hätte. Heute nun, 74 Jahre nach jenem Kongress, wird es erlaubt sein, in aller Offenheit daran zu erinnern und von seinem turbulenten internen Verlauf zu erzählen.

Das grünlich fade Licht vieler Gasflammen erleuchtete den mit Zaubersprüchen sinnvoll ad hoc geschmückten Konversationssaal; die Glatze des Vorsitzenden spiegelte die unzähligen hellen Glaskugeln des Kronleuchters wider, was nicht hinderte, dass eben dieser Herr Vorsitzende Zornbein, Leibzauberer am preussischen Königshof, zu seinem Privatvergügen und gleichsam einem zur Gewohnheit gewordenen Trieb frönend, blasse Irrlichter aus seinem Kopfe steigen liess. Neben ihm sass, formvollendet angetan, die Schnauzenden schwarzglänzend gewichst und sanft nach Patchouli duftend, Monsieur Petitfours, Präsident der "Ligue Nationale des Charlatans Français". Was ihm zu besonderem Ansehen bei den übrigen Mitgliedern des Kongresses verhalf, war das schönfarbige On dit einer huldvollen Wohlwollenheit, die ihm von seiten Napoleons III. zukam. (In der Tat liessen der Kaiser und Eugenie, seine Gemahlin, sich gerne im engen Familienkreise von Petitfours die Glanznummern seines Repertoires vorzaubern.)

Zornbein flankierte zur andern Seite der Senior der russischen Zauberer, ein Abgott an martialisch-weissbärtiger Schönheit, von dem die ungewisse und schwer kontrollierbare Sage ging, er sei an der Fata Morgana der Potemkinschen Dörfer beteiligt gewesen und habe die Gunst der alten Katharina genossen. Gleichgültig und unbeteiligt indessen, mit einem Ausdruck der Langeweile im Gesicht, folgte der Vertreter Englands, der in spätern Jahren zu einer Weltberühmtheit wurde: als er nämlich aus purem Mutwillen eine Reihe unpassend frivoler Wörter in die Tagebücher der erhabenen Queen Victoria hineinzauberte, die doch von ihr in der Nachttischschublade streng gehütet wurden. Zum Vergnügen aller Dandys wurden damals jene Memoiren samt ihren verwirrenden Fehlern ediert, bald jedoch vom Hof zurückgezogen; ihr Urheber, als den man eben den Zauberer McSpinage identifizieren konnte, ward des Landes verwiesen.

Zu weit würde es führen, wollten wir der Reihe nach all der vielen Gestalten gedenken, die da um den Konferenztisch sassen und die samt und sonders irgend ein Zeichen der Bedeutendheit auf der Stirn trugen. Fast alle weitern Staaten Europas waren durch ihren Oberzauberer vertreten, hinzu kamen einige Gäste aus der Levante, die aufs angenehmste die Kette der Okzidentalen unterbrachen und bei der "allgemeinen Umfrage" witzigen Geistes einige Kniffe, die dem Westen noch nicht recht geläufig waren, beisteuerten.

Die Tafelrunde beherrscht nun Magier Zornbein: gefassten Blickes klopft er mit seinem Zauberstab dreimal auf die Tischplatte zum Zeichen, dass die Geschäftssitzung beginne, dass mit allem Ernst daran zu denken sei, die lange Traktandenliste zu durchgehen. Die ersten Punkte werden glatt erledigt; niemand erhebt Widerspruch, als es sich darum handelt, beim Magistrat eine Bewilligung, das öffentliche Tragen von Zaubererinsignien betreffend, durchzusetzen. Auch treten alle einstimmig für den juristischen Schutz magischer Erfindungen und Geheimnisse ein.

Doch wer ist es, der sich so plötzlich und unerwartet mit einem Ruck von seinem Stuhl erhebt, die Stirn zorngerötet, wild fuchtelnd, so dass die spitze Mütze auf dem Haupt bedenklich zu schwanken beginnt? Monsieur Petitfours ist es, der so unvermittelt aus seiner weltmännisch stillen Haltung erwacht. Seine schwarzen Schnauzenden zittern leise vor Erregung, seine Locken beben in einer Woge von Patchouli: die ganze Weihe, die ehedem seine salbungsvolle Person umgab, scheint vergessen. Oh, eine funkelnde Rede auf Französisch ertönt nun aus seinem eleganten Mund: er scheue sich nicht, einen seiner werten Herren Kollegen - er sitze mitten unter ihnen - öffentlich als Dieb geistigen Eigentums an den Pranger zu stellen, ja, er fühle sich verpflichtet, den Urheber dieses Skandals (c'est inouï! rief er, seinen Satz kunstvoll unterbrechend, mit nasaler Stimme) mit Namen zu nennen. Kein geringerer als Herr McSpinage sei es, der in einer englischen Gesellschaft das Wunder des Harakiri dargeboten habe, ein Kunststück höchster Magie, eine Nummer vorletzten Grades in der staatlich anerkannten Exekutionsskala, die er erfunden und auf deren Vorführung allein er, Petitfours, das Recht habe: Schändlich sei es, diese magische Prozedur zu missbrauchen, seine und nur seine Übung des Harakiri dreist nachzuahmen, mit der er doch Napoleon III. in abgründiges Erstaunen versetzt habe.

Nicht genug damit - und hier liess der tobende Herr Petitfours, um seinen Kollegen seinen ganzen Zorn zu demonstrieren, die Gesamtheit der erlesenen Tafelrunde für einen Augenblick im Erdboden versinken - nicht genug damit, beendet er seinen Satz, als die verblüfften Herren samt ihren Stühlen wieder auftauchen, dass McSpinage sein Eigentum missbrauche, nein, er erdreiste sich, es unter seinem Namen, Spinages nämlich, vorzuführen: was nützt hier aller rechtliche Urheberschutz? Ich verlange Satisfaktion! McSpinage, bis jetzt in seiner gewohnten Lethargie verharrend und die Anwürfe mit Gleichmut hinnehmend, erhebt sich nun seinerseits, unterbricht mit einer stummen Handbewegung in der Richtung auf den Vorredner die Suada des Hofzauberers des Second Empire und sagt mit englischem Akzent: Quoi? ... Vous mentez. Sonst nichts. Petitfours, aufs höchste gereizt (seine Schnauzenden irisieren in bläulichem Licht) springt auf den Tisch, und McSpinage seinerseits erwidert in einem plötzlichen Temperamentsausbruch diesen Sprung und steht unversehens ebenfalls auf dem Tisch, dicht vor dem französischen Herrn. Das schwarze, mit silbernen Pentagrammen bestickte Tischtuch wirft sich in Falten, Traktandenlisten werden zerknittert, Zauberstäbe rollen scheppernd zu Boden...

Der Herr Vorsitzende Zornbein, aufs peinlichste von diesem unerwarteten Auftritt berührt, ergreift schreckensbleich die Präsidentenglocke, schrill durchtönt sie den Konversationssaal, er ruft "Zur Ordnung", doch was wird es nützen? Die beiden Herren auf dem Tisch bereiten sich zur manuellen Auseinandersetzung vor. Zornbein versucht ein kurzes Abrakadabra zu evozieren, das die Kampfhähne trennen soll. Zu spät. Schon hat sich Herr McSpinage kraft seines metamorphosistischen Könnens in eine kümmerlich kleine Baumwanze verwandelt, die unbeachtet über das Tischtuch spazieren wird. Monsieur Petitfours hingegen, der das Manöver blitzschnell durchschaut hat, schrumpft seinerseits zum Heuschreck zusammen, der die Baumwanze empfindlich klemmen wird. Aus der Baumwanze aber ist inzwischen eine Maus geworden, die mit Ingrimm den Heuschreck schnappen will. Dieser aber vergrössert sich in einem Moment und wird zur Katze. ihr steht im Nu ein Hund gegenüber, gesträubten Fells und fletschenden Gebisses. Oh, nicht dies wird aber das Ende des still rasenden Kampfes sein, der ja eigentlich noch gar nicht zum offenen Ausbruch gekommen ist. Dem Hund steht plötzlich ein bissiger Wolf, ihm der reissende Löwe gegenüber. Ein Elefant droht ihn zu zertrampeln; aber nicht er soll Sieger auf dem Tisch bleiben, sondern ein Urvieh, ein Dinosaurus, den der Konferenztisch von Baden-Baden kaum zu tragen vermag, wird kurzerhand den Elefanten auf die Hörner nehmen. Der Elefant sieht sein Ende nahen, denn etwas Grösseres fällt ihm nicht ein...

Da geht die Tür auf, der Kurgast von Baden-Baden, im forschen Jagdkostüm und mit geschulterter Flinte, tritt ein und erblickt zu seinem masslosen Erstaunen auf dem langen Tisch des Konversationssaales zwei plumpe und immense Biester, die unverkennbar die Absicht haben, rollenden Auges und gesträussten Ohres aufeinander loszufahren. Holla, da bin ich wohl nicht richtig, sagt der Kurgast, aber bitte, geht vom Tisch herunter, sonst wird er aus den Fugen gehen! Mit diesen Worten hat er indessen schon seinen Zweilader an die Wange gelegt und ist im Begriff, mit keckem Schuss die beiden Tischkämpfer Anstand zu lehren. Bevor ein Schuss kracht aber treten mild lächelnd zwei Herren neben den Jäger, der eine sagt How do you do?, der andere streckt leutselig die Hand aus und sagt Bonjour Monsieur (es ist ein Herr mit schwarz gewichsten Schnauzenden und sanft nach Patchouli duftend).

Und plötzlich tauchen auch von allen Seiten des Saales vielerelei gelehrte Gestalten auf; wir kennen sie alle: es sind die Herren Oberzauberer Europas, die sich beim herannahenden Ungewitter auf dem Tisch als Kleinvieh in die Vorhänge verkrochen oder die sich mittels Abgang durch die vierte Dimension verflüchtigt haben. Alle stehen sie nun da, schauen lächelnd den Kurgast an, der sich verzweifelt an den Kopf greift und wie vom Irrsinn befallen zur Tür stürzt. Der Herr Vorsitzende Zornbein aber klopft mit seinem Stab auf den Tisch und sagt mit Würde: Die Sitzung geht weiter.