Peter Mieg, Komponist, Maler, Literat 1906-1990

Parc Monceau

Die Stunde dieses Gartens ist der Morgen. Nur der Morgen? Das klingt so unwiderlegbar, ich weiss es. Doch bleibt mir sein Gesicht des Nachmittags und Abends verschlossen. Und ist es nicht wirklich ein Morgen-Park, wenn das hellste Licht ihn verzaubert, die muntersten Kinder ihn beleben, die gepflegtesten alten Herren mit Zwicker, Zigarette und Zeitung ihn dekorieren? Kein Mensch wird mir die Überzeugung nehmen, dass dieser schönste der Pariser Gärten am Morgen am herrlichsten sei. Wie, der schönste aller Pariser Gärten? Auch diese Aussage wird man übertrieben finden. Denn wenn von den Pariser Gärten die Rede ist, treten selbstverständlich zuerst Tuilerien und Jardin du Luxembourg auf, in der urfranzösischen Wohlgerichtetheit ihrer grossartigen Alleen, mit den symmetrischen Blumenbeeten, den in den Achsenschnittpunkten angeordneten Wasserbecken.

Doch der Parc Monceau, das langgestreckte Oval, zugänglich durch vier mit allerlei goldenem Zierat geschmückte hohe Gitterpforten, besticht durch seine Weite, sein gartenhaft lässiges Ausschwingen, seine alten Bäume, seine reizenden Gebüschgruppen, seine romantisch versteckten Teiche: Von Mal zu Mal fühle ich mich durch seinen landschaftlichen Charme tiefer gebannt, bestrickt gerade von seiner unfranzösisch unfeierlichen Art, von seinen Asymmetrien, die jedem klassischen Gartenarchitekten ein Dorn im Auge wären.

Wohl kreuzen sich zwei Hauptwege in der Mitte, doch mit welcher Sorgfalt ist jede strenge Gerade vermieden! Sanft gewellte Rasenflächen ziehen sich hin. Sie leuchten im frischen Grün; die Blätter der ersten Kastanien sind hervorgebrochen und stehen vor einem hellblauen Himmel. Dort blüht ein Strauch in Rosa, dort einer in Gelb, und in lockeren Gruppen ziehen sich tiefgelbe Osterglocken unter die fernen Bäume. Da und dort ein leises Plätschern von Wassern in Grotten oder künstlichen Ruinen, die von wenigen Wasservögeln bewohnt sind. “Ich möchte die Enten sehen”, sagt eine unserer Begleiterinnen (die, gleich mir, ein heimlicher Bewunderer dieses Parks ist). Doch die Enten sind heuer nicht in Mehrzahl vorhanden. In jedem Weiher lebt eine einzelne, selbstherrlich und mit sich und der Welt im Einklang. Vollzählig in ihrer jubelnden Gesellschaft nur die Vögel in den Bäumen und die grauen grossen Wildtauben, von denen sich da und dort ein Paar auf dem Rasen ergeht. Die wilden Tauben in den Pariser Gärten: Wem erschiene ihr Gurren hoch aus den Zweigen nicht seltsam-fremd, zuerst, und wer würde es nicht missen, später, bei den oft wiederholten Gängen durch die Alleen, in denen das Rauschen der Fontänen, das Geschrei der Kinder, das Gurren der Tauben die unveränderliche, liebenswürdig diesseitige Musik ausmachen, und zu welcher der nie unterbrochene, tiefe summende Laut der fernen Strassen den Orgelpunkt bildet.

“Ich möchte eine Wohnung mit Blick auf den Parc Monceau haben”, gestatte ich mir zu sagen. Worauf grosses Gelächter meiner Eskorte. Ja ja, natürlich, das möchten andere auch, und in der Aussichtslosigkeit meines Wunsches bleibt mir nichts anderes übrig, als in das Lachen einzustimmen und den Traum als allerschönste Tatsache hinzunehmen. In diese alten Bäume zu schauen, die Vögel zu hören, das Plätschern der kunstvollen Quellen, vor sich die lieblichsten Szenen: Ich stelle es mir als das goldene Glück eines Pariser Aufenthaltes vor.

Da Glück nie dauern kann, koste ich wenigstens diese Morgenstunde aus, und ich wandere hin und her, bleibe stehen, notiere mit Bleistift auf ein grünes Papier ein paar Platanenstämme, einige Kastanienblätter, den runden Säulentempel am Nordausgang, die Häuser an der umsäumenden Strasse, deute mit Punkten einen blühenden Strauch an. Unterdessen verlieren sich meine Begleiter auf den gewundenen Wegen. Dort drüben finde ich sie wieder: Das Violett eines Mantels ist unverkennbar, und bei den jungen Damen angekommen, wird mir fürs erste die Zeichnung auf dem grünen Papier abgenommen; zur Entschädigung werde ich auf die so proper und reizend ausstaffierten Kinder aufmerksam gemacht, die sich um einen Sandhaufen scharen.

Wirklich: Sie sind alle höchst adrett angezogen, fast festlich, wie um den heitern Morgen zu feiern. Mütter, Grossmütter und Kindermädchen sitzen etwas seitab auf gelben Klappstühlen und eisernen Fauteuils, unterhalten sich über abgelegene Dinge; um so ungestörter vertiefen sich die Kinder in ihre Spiele. In stummem Eifer füllt eine Dreijährige ihr Kesselchen mit Sand, stürzt den Kuchen und fängt, da er nicht recht geraten will, wieder von neuem an, unentwegt und unverdrossen. Andere bauen Schlösser und graben Seen, andere fahren ihre Schiebkarren auf den Berg: ein höchst geschäftiges Tun um diesen Sandhaufen; doch nebenan nicht minder. Da springt ein Bübchen mit einem blauen Reifen über den Weg, andere spielen um einen Baumstamm Verstecken, und mittendurch fährt ein dicker Junge im Zeitlupentempo Velo; als Nicht-Velofahrer werde ich belehrt, dass gerade das Langsamfahren kunstvoll sei.

Ein dauernd wechselndes Bild, eine ganze Folge von Bildern spielt sich zu unserm Vergnügen ab, hier und dort, und wohin wir blicken, immer stellt das köstliche Kinderbilderbuch dieses Parks neue Szenen vor unser Auge, und immer fährt der dicke, träge Junge auf dem roten Kindervelo in langsamen Schleifen still beobachtend über die morgendlich besonnte Bühne; die wir endlich mit dem Seufzer um ein verlorenes Paradies verlassen.

Basler Nachrichten 11.4.53